Reinigung von Bedienoberflächen: Kunststoff vs.Glas
Desinfektion, Reinigung und Langfristige Perspektiven von Materialien
Für Bedienoberflächen, die häufig gereinigt oder desinfiziert werden, ist Glas in der Regel langlebiger. Es ist vergleichsweise hart, abriebfest und gegenüber vielen Reinigungschemikalien beständig. Kunststoff kann im Neuzustand ebenfalls sehr gut reinigbar sein, ist jedoch stärker von der konkreten Polymerart, einer möglichen Hartbeschichtung und dem verwendeten Reinigungs- oder Desinfektionsmittel abhängig.
Aus hygienischer Sicht ist nicht allein das Grundmaterial entscheidend. Oberflächenrauheit, Kratzer, Fugen, Benetzbarkeit, Wischmechanik und Einwirkzeit können die Reinigungs- und Desinfektionswirkung erheblich beeinflussen Quelle
Bei fünf Reinigungen pro Tag entstehen innerhalb von fünf Jahren ungefähr:
5×365×5=9.125 Reinigungszyklen
Für eine Beschaffungsprüfung wäre deshalb beispielsweise ein Test mit 10.000 Wischzyklen unter Verwendung des tatsächlich vorgesehenen Reinigungs- oder Desinfektionsmittels sinnvoll. Anschließend sollten mindestens Kratzer, Trübung, Farbänderung, Rissbildung, Dichtheit und Touchfunktion bewertet werden. Die Zahl von 10.000 Zyklen ist eine nutzungsbasierte Auslegung und keine allgemeingültige Normanforderung.
| Kriterium | Glas | Kunststoff |
| Reinigbarkeit im Neuzustand | sehr gut | gut bis sehr gut |
| Kratz- und Abriebfestigkeit | meist deutlich höher | stark polymer- und beschichtungsabhängig |
| Alkoholbeständigkeit | Grundglas meist gut; Beschichtungen prüfen | PMMA, Weich-PVC und PS können kritisch sein |
| Gefahr von Spannungsrissen | gering | besonders bei PMMA und PC möglich |
| Stoß- und Bruchverhalten | hart, aber spröde (kommt auf Einbausituation an) | Polycarbonat sehr schlagzäh |
| Langzeit-Desinfizierbarkeit | sehr gut | nur mit validierter Material-Wirkstoff-Kombination |
| Eignung bei intensiver Reinigung | bevorzugt | Hardcoat und dokumentierte Freigabe erforderlich |
1. Hygienische Reinigbarkeit von Glas und Kunststoff
Glas und kompakte Kunststoffe sind grundsätzlich nicht poröse Werkstoffe. Eine neue, glatte Kunststoffoberfläche kann deshalb zunächst ebenso gut abwischbar sein wie Glas. Der hygienische Unterschied entsteht häufig erst durch Alterung, Kratzer, Spannungsrisse, beschädigte Beschichtungen und konstruktive Fugen.
In einer kontrollierten Studie wurden Oberflächen mit Rauheiten von ungefähr 2 bis 390 nm untersucht. Bei gleichbleibender Oberflächenchemie unterschied sich die bakterielle Anhaftung abhängig von Rauheit und Benetzungsverhalten um bis zu den Faktor 75 (Mu et al., 2023).
Allerdings bedeutet dies nicht, dass mit zunehmender Glätte in jedem Fall weniger Bakterien anhaften. Eine Untersuchung an Glas zeigte, dass nanoskalige Veränderungen der Topografie die Anhaftung von Escherichia coli, Pseudomonas aeruginosa und Staphylococcus aureus deutlich beeinflussen können. In diesem speziellen Versuch wurde teilweise sogar eine stärkere Anhaftung an der nanoskalig glatteren Glasoberfläche beobachtet (Mitik-Dineva et al., 2009).
Wissenschaftlich korrekt ist daher folgende Aussage:
- Nicht allein „glatt oder rau“, sondern die Kombination aus Rauheitsskala, Oberflächenchemie, Benetzbarkeit, Mikroorganismus und Reinigungsverfahren bestimmt die mikrobielle Anhaftung.
Für die praktische Hygiene empfiehlt die KRINKO möglichst ebene, abwischbare, fugendichte und dauerhaft beständige Oberflächen. Als Orientierungswert nennt sie eine in der Lebensmittelindustrie bewährte Rauheit von Ra ≤ 0,8 µm für mechanisch bearbeitete hygienerelevante Oberflächen. Offenporige und granulare Werkstoffe sollen vermieden werden (RKI/KRINKO, 2026).
2. Glasoberflächen
Glas besitzt eine hohe Härte und bleibt bei sachgemäßer Reinigung normalerweise länger frei von Kratzern als unbeschichteter Kunststoff. Dadurch bleibt seine Oberflächenqualität über viele Reinigungszyklen vergleichsweise konstant.
Aus einem technischen Datenblatt können wir folgende Ergebnisse einer chemischen Beständigkeitsprüfung entnehmen
- 5 % Salzsäure, 24 Stunden bei 95 °C: 0,6 mg/cm² Masseverlust
- 5 % Natronlauge, 6 Stunden bei 95 °C: 1,9 mg/cm² Masseverlust
- 10 % Flusssäure, 20 Minuten bei 20 °C: 12,3 mg/cm² Masseverlust
Diese Werte gelten für das untersuchte Aluminosilikatglas und lassen sich nicht ohne Weiteres auf jede Glassorte übertragen. Sie zeigen aber die vergleichsweise hohe Beständigkeit gegenüber vielen Chemikalien. Flusssäure ist für Glas eindeutig ungeeignet.
Bei Bedienoberflächen besteht allerdings nicht nur die Glasscheibe selbst aus reinem Glas. Folgende Komponenten können empfindlicher sein:
- Antireflexbeschichtung
- Anti-Fingerprint- beziehungsweise oleophobe Beschichtung
- rückseitige Bedruckung
- Klebstoffe und Verbundfolien
- umlaufende Dichtungen
- Kunststoffrahmen
Deshalb muss auch bei Glas die Reinigungsempfehlung des Geräteherstellers beachtet werden.
4. Kunststoffoberflächen
Der Begriff „Kunststoff“ umfasst Materialien mit sehr unterschiedlichen Eigenschaften.
4.1. PMMA beziehungsweise Acrylglas
PMMA ist transparent und relativ hart, kann aber gegenüber Alkohol und organischen Lösemitteln empfindlich sein. Mögliche Folgen sind:
- Trübung
- feine Spannungsrisse beziehungsweise „Crazing“
- Veränderungen der Oberflächenrauheit
- Veränderung mechanischer Eigenschaften
In einer Laborstudie wurden PMMA-Proben für 30, 60 und 120 Sekunden mit 40 %, 70 % und 99,9 % Ethanol behandelt. Dabei wurden Veränderungen der Oberflächentopografie und der nanomechanischen Eigenschaften festgestellt (Basavarajappa et al., 2017).
Die Studie untersuchte Dental-PMMA. Die Ergebnisse dürfen deshalb nicht als exakter Grenzwert für jede industrielle Acrylglasoberfläche verstanden werden. Sie belegen jedoch, dass selbst kurze Alkoholkontakte die Materialeigenschaften bestimmter PMMA-Rezepturen messbar verändern können.
4.2. Weitere Kunststoffe
Die aktuelle KRINKO-Empfehlung nennt mögliche Inkompatibilitäten von Alkoholen insbesondere mit:
- Acrylglas beziehungsweise PMMA
- Weich-PVC
- Polystyrol
Für Bedien- und Geräteoberflächen sollen deshalb die Herstellerangaben eingehalten oder eine schriftliche Materialfreigabe eingeholt werden (RKI/KRINKO, 2026).
5. Gesamtbewertung
Für häufig gereinigte Touchpanels und Bedienoberflächen bietet Glas im Allgemeinen folgende Vorteile:
- hohe Kratz- und Abriebfestigkeit
- langfristig stabile, geschlossene Oberfläche
- breite chemische Beständigkeit
- gute Eignung für häufige Wischdesinfektion
Kunststoff bietet dagegen Vorteile bei:
- geringem Gewicht
- komplex geformten Bedienoberflächen
- geringeren Fertigungskosten
Für medizinische Einrichtungen, Medizintechnik, Labore oder öffentliche Anwendung ist ein fugenloses, rückseitig bedrucktes Bedienglas häufig die robustere Lösung. Bei erhöhtem Schlagrisiko kann hartbeschichtetes Polycarbonat geeigneter sein, sofern die vorgesehene Reinigung und Desinfektion validiert wurde.